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Krumme Scheiben

#anstand

by Kleister

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about

Wenn der Nikolaus bald wieder um die Häuser zieht, hat er dieses Mal etwas Besonderes im Säckel: Die neue Kleister-EP #anstand – drei heiße, fette Songs für die kalte Jahreszeit. Die Moralapostel Lukas (aka Ludwig van Beathoven) und Johannes (aka Heinrich von Kleister) zeigen sich hier von ihrer anständigsten Seite, mit Texten über Hashtags, Erbe und Rüstungspolitik.

Aber was erwartet Ohr und Auge? Herrlich-epische, verkopft-jazzige und treibend-elektronische Beats, live eingeloopt vom Jazzbrain und Tastenfreak Ludwig van Beathoven, der eigentlich Lukas Derungs heißt und in London seinen Klavier-Master noch schnell vor dem Brexit zuende bringt (lol). Jeder Beat entsteht live, nichts kommt aus der Konserve, Schlagzeug aus dem Mund, Bässe, Melodien, Soli, aufeinandergeschichtet bis auch die letzten ihr Tanzbein swingen. Für die Produktion der EP konnte der Berliner Soundzauberer Monojo (monojo.de) gewonnen werden, der die Musik in seiner Hexenküche aufwendig aufgebrezelt hat. Der Rapper Heinrich von Kleister zeigt derweil wie gewohnt sein ganzes Spektrum sprachlicher Verspieltheit, eloquenter Erzählakrobatik und kruden Klassenbewusstseins in Personaleinheit mit einer Rampensauerei, die man im HipHop selten findet. Poetisch, politisch, prosaisch, alle Klischeeklippen in weiten Schleifen umfahrend und doch zum Punkt kommend, erzählt er aus seiner Mensch- und Tierwelt, Allegorien und Metaphern statt abgenutzter HipHop-Schablonen. Die Texte strotzen vor rotzigen Lines, doppelten Böden und Selbstironien. Der verstörende Abgrund scheint durch eine rosarote Brille, dass Brecht seine wahre Freude hätte.

credits

released December 6, 2019

Text und Musik: Kleister,
Produktion und Mix: Joh Weisgerber,
Master: Bernhard Range,
Zusätzlicher Gesang bei #anstand: Ebba Hosche und And3 „Dyse“ Dietrich

license

all rights reserved

tags

Track Name: #anstand
#Anstand

Hallo ich bin Rainer und ich komme aus dem Indie-Spektrum
Ich hatte 'ne Band, doch von der blieb nur das Plektrum und ein Schuldenberg,
doch meine Eltern springen ein,
bezahlen den Guldenwert an irgendeinen Label-Hein
Der Labelsalat entpuppte sich mittelfristig
als ein Knebelvertrag, der meine Mittel frisst,
Ich habe geglaubt die bringen mich ganz groß raus
Aber alles was die machen ist ein Facebookpost!
Auf Seite 24 (bei den Konditionen) wird Anspruch erhoben auf hohe Provisionen
Für die Aufnahmen musst' ich den Erbschmuck, den goldenen
den mein Onkel mir vermachte, verschleuderen
Letztendlich musst' ich meinen Pianisten liquidieren
Doch wer soll mir jetzt meine Punchlines formulieren?
Wenn kein Wunder geschieht, bin ich fett im Arsch!
Wie im Flundergebiet der fette Barsch

Das ganze Land nimmt Abstand vom Anstand
Mit Kant in der Hand in den sittlichen Treibsand
Da wird der Rainer zintig, da brennt gleich der Saal
Und auf Flammenflügeln kommt die Moral

#Anstand, #Moral

Hallo wir sind Kleister, wie der Dichter, nur lebendiger
So wie der Uhu, nur viel wendiger
Wir spielen jedes Jahr Festivals in Amerika
für veganes Catering und einige Hunderttausender
Im engen bundesrepublikanischen Rahmen
sind unsere Konzerte leider schlecht besuchte Dramen
Geladen werden alle, die nicht wissen, wo sie hingehören
Alle, die sonst nirgends reinkommen, weil sie immer stören
Alle, die für alle anderen schon verschwunden sind
Die irrwitzigen Irrlichter, verflogen im Novemberwind
Die stumpfen Stifte, düsteren Kinder ohne Spiele
Die paar verbliebenen freien Radikale ohne Ziele
Woanders haben wir mehr Schwung, da kennt man uns aus der Werbung
Man bezahlt in harter Währung, doch die Leute sind dort sehr dumm
Daher, und weil wir Anstand haben, Schatz, spielen wir statt in Stadien lieber auf'm Wagenplatz

Wir spielen in 'nem Stadtgraben, oder in 'nem Viehwagen
In einer Datscha, in der noch nie ein Mensch war
Auf einer Wiese, über der Milane schweben
in einer Felswand, in der Steinböcke kleben
Mensch in München-Schwabing, hast du einen Subwoofer?
Dann kommt die MS Kleisterrap an dein karges Ufer,
dreht den Bass auf und macht den Sylabil Spill
und bläst dir dein Carne Assada vom Grill
Denn um Fleisch ranken sich nur Verschwörung und Komplott
Um Grießbrei und Haferflocken Himbeerkompott
Essen ist politisch und Musik ist es auch
Was von früh bis spät im Radio läuft ist das was keiner braucht
Auch Rap ist von der Moral oft himmelweit entfernt
Nur im Hip-Hop wird der Pimmelstreit erlernt
Ich schwöre, ich bin anders: „#Anstand“ poste ich jeden Tag an meine Pinnwand
Track Name: Bombenstimmung
Bombenstimmung

Jetzt geht's los, es soll mir gelingen
Ich werde was erfinden, damit die Erde zum zittern bringen
Ich hab es schon so oft bei den Anderen gesehen
Es braucht gar nicht viel um an den Zeigern zu drehen
Richtung Fortschritt und Zukunft und bessere Welt
Ich weise den Weg, werde dadurch zum Held
einer ganzen irregeführten Generation
Ich sehe mein Bild in den Nachrichten schon
Doch was ihnen bringen, was brauchen die Leute?
Es soll erschüttern, am besten noch heute
Ihnen ein Gefühl von Stärke vermitteln
Ihre öden Geschichten mit Leuchtlettern betiteln
Vor die Fernseher können sie sich dann hinsetzen
An der Zerstörung ihre armen Seelen wetzen
Das wird ein Feuerwerk, ich hab es im Urin
Ich taufe meine Entdeckung auf Nitroglyzerin

Alle feiern, nur Heinrich flennt, alle tanzen, die Lunte brennt

Bombenstimmung von Beirut bis Boston
die Erde dreht sich von Westen nach Osten
Bombenstimmung von Beelitz bis Bangkok
die Welt geht unter, während ich auf der Bank hock

Willst du den Frieden, dann rüste zum Krieg
Säbelrasseln, wohin man auch sieht
Ob Fundamentalisten, Guerilla oder Bundeswehr
Ohne Nitroglyzerin fällt ihnen das Sprengen schwer
Deutsche Waffen und deutsches Gold
Kalaschnikow, Airbus oder Colt
Nur wenn es Bums macht und ordentlich raucht
wird die heiße Ware auch teuer verkauft
Auf Schiffen, in Tunneln, in Wüsten, im Eis
wir rüsten, ein kalter Krieg wird dann schnell heiß
und schmilzt den Planeten, verspritzt die Moneten
Mein Freund, Rainer Profit, platzt aus allen Nähten

Die Erde schmolz schon, was gibt es noch zu sagen?
Eine dritte Strophe kann nur hinterfragen:
Wofür um alles in dieser Epoche
erfindet der Mensch nur so teuflische Stoffe?
Heut‘ schießen sie lautlos und lasergesteuert
Es wird von harmlosen Dingen gefeuert
Aus Blütenständen und Bienenstöcken
aus Frühlingwolken und Rosenhecken
Der Krieg ist jetzt sauber, denn Blut kann gefrieren
Wir beherrschen den Zustand den Tod zu maskieren
Er trägt keine Sense, sondern ein iPhone
und er wird uns, wenn wir sterben, mittels einer App abholen
Es ist das Selbe in Kivu, im Kongo, in Aleppo, auf der Krim und sonstwo
Wir sind Räuber für die Gendarmen
Wir sind Robin Hood – gegen die Armen.
Track Name: David
David

Hallo David mit der Zwille, hast du einen Stein für mich?
Ich kämpf‘ gegen Offensichtliches, verlor mein Augenlicht
Ohne deine Stimme weiß ich nicht woher ich kam
und ohne deine Hände kommen meine Schläge niemals an
Wir sind gerichtet, bevor der Richter sprach
Bevor das Fallbeil zischt, ertränk ich mich in einem Bach
Treibe mit dem Kopf voran in den Sonnenuntergang
Und zertrümmer im Vorbeifahren dann noch jeden Kahn
Letztlich fand ich mich in einer Pfütze mit dem Kopf nach unten
Man kehrte mich auf, vor den Augen der geschockten Kunden
Dieser Mann weiß scheinbar nicht, wo seine Stärken liegen
Er hat doch schon so viel, doch wird den Hals niemals voll kriegen
Darauf einen Kurzen, dann auf die Barrikaden scheißen,
jeder der mich kennt, weiß, meine Kinder heißen
schwarzes Pulver und blaue Flamme
Erst wenn diese Skyline brennt, erwacht das Kind im Manne

Ist das jetzt schon das Ende vom Lied?
Ja, das ist jetzt schon das Ende vom Lied
Wir ziehen weiter, weil es hier nichts mehr gibt

David, löse dich von des Urgroßvaters Krallen
Lebe in der Dämmerung und lass die Mähne wallen
Widersetze dich deiner Optimierung
Überzieh die Mechanik mit einer Lösungsmittelschmierung
Brenne braune Löcher in braune Gefilde
Den Harten reiß in Stücke, den Weichen sei milde
Trete nach oben, wirf Seile nach unten
Zieh sie herauf, all die Zermürbten und Bunten
Warte mal, wer trotzt hier wirklich den Gezeiten?
Wer schwenkt hier den Hammer, wer lässt den Säbel gleiten?
Wem bleiben Steine und wem zerstreute Knochen?
Und wer von euch kann auf eine Gehaltserhöhung hoffen?
Manchmal ist gar nichts wie es scheint
Dann sind David und Goliath im Antagonismus vereint
Denn sie brauchen sich, ergänzen sich, befruchten sich
Obwohl sie zähnefletschend steh‘n, von Angesicht zu Angesicht

Hallo David mit der Zwille, hast du mal ein Buch für mich?
Brandstiften sei nichts für mich, alle sagen nur: Bilde dich!
Gesagt, getan, ein Springer-Onlinemagazin
tausch ich gegen den Patronengurt und Kerosin
Selber die Komfortzone endlich erreicht
Idealismus ergraut und erbleicht
Als tragende Säule behördlich geeicht
Kein kümmerlicher Lohn, sondern ein Sold, der mir reicht
Damit endlich angekommen, die Wallungen sind geronnen
Verbotene Freude weicht wohlgenormten Wohlstandswonnen
Mit der Familie versteh‘ ich mich gut wieder
Vergessen die Schmach - Sohnemann spielt Hutlieder!
Eingereiht, ausstaffiert, angepasst und auch sehr bieder
Ein Staat besteht bekanntlich aus Hirn, Rumpf und Glieder
Ich trag‘ jetzt die Uhr, die mein Onkel mir vermachte
An meinem Revers prangt sie prächtiger als ich dachte

Ist das jetzt schon das Ende vom Lied?
Ja, das ist jetzt schon das Ende vom Lied
Wir ziehen weiter, weil es hier nichts mehr gibt
Nur noch verbrannte Erde und Kohlendioxid

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