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Krumme Scheiben

#anstand

by Kleister

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#anstand 03:32 video
#Anstand Hallo ich bin Rainer und ich komme aus dem Indie-Spektrum Ich hatte 'ne Band, doch von der blieb nur das Plektrum und ein Schuldenberg, doch meine Eltern springen ein, bezahlen den Guldenwert an irgendeinen Label-Hein Der Labelsalat entpuppte sich mittelfristig als ein Knebelvertrag, der meine Mittel frisst, Ich habe geglaubt die bringen mich ganz groß raus Aber alles was die machen ist ein Facebookpost! Auf Seite 24 (bei den Konditionen) wird Anspruch erhoben auf hohe Provisionen Für die Aufnahmen musst' ich den Erbschmuck, den goldenen den mein Onkel mir vermachte, verschleuderen Letztendlich musst' ich meinen Pianisten liquidieren Doch wer soll mir jetzt meine Punchlines formulieren? Wenn kein Wunder geschieht, bin ich fett im Arsch! Wie im Flundergebiet der fette Barsch Das ganze Land nimmt Abstand vom Anstand Mit Kant in der Hand in den sittlichen Treibsand Da wird der Rainer zintig, da brennt gleich der Saal Und auf Flammenflügeln kommt die Moral #Anstand, #Moral Hallo wir sind Kleister, wie der Dichter, nur lebendiger So wie der Uhu, nur viel wendiger Wir spielen jedes Jahr Festivals in Amerika für veganes Catering und einige Hunderttausender Im engen bundesrepublikanischen Rahmen sind unsere Konzerte leider schlecht besuchte Dramen Geladen werden alle, die nicht wissen, wo sie hingehören Alle, die sonst nirgends reinkommen, weil sie immer stören Alle, die für alle anderen schon verschwunden sind Die irrwitzigen Irrlichter, verflogen im Novemberwind Die stumpfen Stifte, düsteren Kinder ohne Spiele Die paar verbliebenen freien Radikale ohne Ziele Woanders haben wir mehr Schwung, da kennt man uns aus der Werbung Man bezahlt in harter Währung, doch die Leute sind dort sehr dumm Daher, und weil wir Anstand haben, Schatz, spielen wir statt in Stadien lieber auf'm Wagenplatz Wir spielen in 'nem Stadtgraben, oder in 'nem Viehwagen In einer Datscha, in der noch nie ein Mensch war Auf einer Wiese, über der Milane schweben in einer Felswand, in der Steinböcke kleben Mensch in München-Schwabing, hast du einen Subwoofer? Dann kommt die MS Kleisterrap an dein karges Ufer, dreht den Bass auf und macht den Sylabil Spill und bläst dir dein Carne Assada vom Grill Denn um Fleisch ranken sich nur Verschwörung und Komplott Um Grießbrei und Haferflocken Himbeerkompott Essen ist politisch und Musik ist es auch Was von früh bis spät im Radio läuft ist das was keiner braucht Auch Rap ist von der Moral oft himmelweit entfernt Nur im Hip-Hop wird der Pimmelstreit erlernt Ich schwöre, ich bin anders: „#Anstand“ poste ich jeden Tag an meine Pinnwand
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Bombenstimmung Jetzt geht's los, es soll mir gelingen Ich werde was erfinden, damit die Erde zum zittern bringen Ich hab es schon so oft bei den Anderen gesehen Es braucht gar nicht viel um an den Zeigern zu drehen Richtung Fortschritt und Zukunft und bessere Welt Ich weise den Weg, werde dadurch zum Held einer ganzen irregeführten Generation Ich sehe mein Bild in den Nachrichten schon Doch was ihnen bringen, was brauchen die Leute? Es soll erschüttern, am besten noch heute Ihnen ein Gefühl von Stärke vermitteln Ihre öden Geschichten mit Leuchtlettern betiteln Vor die Fernseher können sie sich dann hinsetzen An der Zerstörung ihre armen Seelen wetzen Das wird ein Feuerwerk, ich hab es im Urin Ich taufe meine Entdeckung auf Nitroglyzerin Alle feiern, nur Heinrich flennt, alle tanzen, die Lunte brennt Bombenstimmung von Beirut bis Boston die Erde dreht sich von Westen nach Osten Bombenstimmung von Beelitz bis Bangkok die Welt geht unter, während ich auf der Bank hock Willst du den Frieden, dann rüste zum Krieg Säbelrasseln, wohin man auch sieht Ob Fundamentalisten, Guerilla oder Bundeswehr Ohne Nitroglyzerin fällt ihnen das Sprengen schwer Deutsche Waffen und deutsches Gold Kalaschnikow, Airbus oder Colt Nur wenn es Bums macht und ordentlich raucht wird die heiße Ware auch teuer verkauft Auf Schiffen, in Tunneln, in Wüsten, im Eis wir rüsten, ein kalter Krieg wird dann schnell heiß und schmilzt den Planeten, verspritzt die Moneten Mein Freund, Rainer Profit, platzt aus allen Nähten Die Erde schmolz schon, was gibt es noch zu sagen? Eine dritte Strophe kann nur hinterfragen: Wofür um alles in dieser Epoche erfindet der Mensch nur so teuflische Stoffe? Heut‘ schießen sie lautlos und lasergesteuert Es wird von harmlosen Dingen gefeuert Aus Blütenständen und Bienenstöcken aus Frühlingwolken und Rosenhecken Der Krieg ist jetzt sauber, denn Blut kann gefrieren Wir beherrschen den Zustand den Tod zu maskieren Er trägt keine Sense, sondern ein iPhone und er wird uns, wenn wir sterben, mittels einer App abholen Es ist das Selbe in Kivu, im Kongo, in Aleppo, auf der Krim und sonstwo Wir sind Räuber für die Gendarmen Wir sind Robin Hood – gegen die Armen.
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David 04:09
David Hallo David mit der Zwille, hast du einen Stein für mich? Ich kämpf‘ gegen Offensichtliches, verlor mein Augenlicht Ohne deine Stimme weiß ich nicht woher ich kam und ohne deine Hände kommen meine Schläge niemals an Wir sind gerichtet, bevor der Richter sprach Bevor das Fallbeil zischt, ertränk ich mich in einem Bach Treibe mit dem Kopf voran in den Sonnenuntergang Und zertrümmer im Vorbeifahren dann noch jeden Kahn Letztlich fand ich mich in einer Pfütze mit dem Kopf nach unten Man kehrte mich auf, vor den Augen der geschockten Kunden Dieser Mann weiß scheinbar nicht, wo seine Stärken liegen Er hat doch schon so viel, doch wird den Hals niemals voll kriegen Darauf einen Kurzen, dann auf die Barrikaden scheißen, jeder der mich kennt, weiß, meine Kinder heißen schwarzes Pulver und blaue Flamme Erst wenn diese Skyline brennt, erwacht das Kind im Manne Ist das jetzt schon das Ende vom Lied? Ja, das ist jetzt schon das Ende vom Lied Wir ziehen weiter, weil es hier nichts mehr gibt David, löse dich von des Urgroßvaters Krallen Lebe in der Dämmerung und lass die Mähne wallen Widersetze dich deiner Optimierung Überzieh die Mechanik mit einer Lösungsmittelschmierung Brenne braune Löcher in braune Gefilde Den Harten reiß in Stücke, den Weichen sei milde Trete nach oben, wirf Seile nach unten Zieh sie herauf, all die Zermürbten und Bunten Warte mal, wer trotzt hier wirklich den Gezeiten? Wer schwenkt hier den Hammer, wer lässt den Säbel gleiten? Wem bleiben Steine und wem zerstreute Knochen? Und wer von euch kann auf eine Gehaltserhöhung hoffen? Manchmal ist gar nichts wie es scheint Dann sind David und Goliath im Antagonismus vereint Denn sie brauchen sich, ergänzen sich, befruchten sich Obwohl sie zähnefletschend steh‘n, von Angesicht zu Angesicht Hallo David mit der Zwille, hast du mal ein Buch für mich? Brandstiften sei nichts für mich, alle sagen nur: Bilde dich! Gesagt, getan, ein Springer-Onlinemagazin tausch ich gegen den Patronengurt und Kerosin Selber die Komfortzone endlich erreicht Idealismus ergraut und erbleicht Als tragende Säule behördlich geeicht Kein kümmerlicher Lohn, sondern ein Sold, der mir reicht Damit endlich angekommen, die Wallungen sind geronnen Verbotene Freude weicht wohlgenormten Wohlstandswonnen Mit der Familie versteh‘ ich mich gut wieder Vergessen die Schmach - Sohnemann spielt Hutlieder! Eingereiht, ausstaffiert, angepasst und auch sehr bieder Ein Staat besteht bekanntlich aus Hirn, Rumpf und Glieder Ich trag‘ jetzt die Uhr, die mein Onkel mir vermachte An meinem Revers prangt sie prächtiger als ich dachte Ist das jetzt schon das Ende vom Lied? Ja, das ist jetzt schon das Ende vom Lied Wir ziehen weiter, weil es hier nichts mehr gibt Nur noch verbrannte Erde und Kohlendioxid

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Wenn der Nikolaus bald wieder um die Häuser zieht, hat er dieses Mal etwas Besonderes im Säckel: Die neue Kleister-EP #anstand – drei heiße, fette Songs für die kalte Jahreszeit. Die Moralapostel Lukas (aka Ludwig van Beathoven) und Johannes (aka Heinrich von Kleister) zeigen sich hier von ihrer anständigsten Seite, mit Texten über Hashtags, Erbe und Rüstungspolitik.

Aber was erwartet Ohr und Auge? Herrlich-epische, verkopft-jazzige und treibend-elektronische Beats, live eingeloopt vom Jazzbrain und Tastenfreak Ludwig van Beathoven, der eigentlich Lukas Derungs heißt und in London seinen Klavier-Master noch schnell vor dem Brexit zuende bringt (lol). Jeder Beat entsteht live, nichts kommt aus der Konserve, Schlagzeug aus dem Mund, Bässe, Melodien, Soli, aufeinandergeschichtet bis auch die letzten ihr Tanzbein swingen. Für die Produktion der EP konnte der Berliner Soundzauberer Monojo (monojo.de) gewonnen werden, der die Musik in seiner Hexenküche aufwendig aufgebrezelt hat. Der Rapper Heinrich von Kleister zeigt derweil wie gewohnt sein ganzes Spektrum sprachlicher Verspieltheit, eloquenter Erzählakrobatik und kruden Klassenbewusstseins in Personaleinheit mit einer Rampensauerei, die man im HipHop selten findet. Poetisch, politisch, prosaisch, alle Klischeeklippen in weiten Schleifen umfahrend und doch zum Punkt kommend, erzählt er aus seiner Mensch- und Tierwelt, Allegorien und Metaphern statt abgenutzter HipHop-Schablonen. Die Texte strotzen vor rotzigen Lines, doppelten Böden und Selbstironien. Der verstörende Abgrund scheint durch eine rosarote Brille, dass Brecht seine wahre Freude hätte.

credits

released December 6, 2019

Text und Musik: Kleister,
Produktion und Mix: Joh Weisgerber,
Master: Bernhard Range,
Zusätzlicher Gesang bei #anstand: Ebba Hosche und And3 „Dyse“ Dietrich

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Kleister Berlin, Germany

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